784 km mit unserem Vereins-Discus

Die Entwicklung der Wetterlage war relativ eindeutig. Schon seit Donnerstag, dem 3.4. saß ich täglich vor dem PC, um die Wetterdaten zu analysieren. Denn es deutete sich eine Wetterlage an, die es so seit 1972 nicht mehr gegeben hatte ! Die berühmte NO-Lage, die Hans-Werner Grosse damals zu seinem Traumflug nach Biarritz nutzen konnte. Es kamen zwei Tage in Frage. Der Sonntag und der Montag. Es waren also alle Vorbereitungen für die beiden Tage getroffen. Da wir am Sonntag nicht die Möglichkeit hatten im F-Schlepp zu starten, und das war bei Winden von 55 bis 60 km/h in 1000 Meter Höhe notwendig, da man nicht früh genug aus der Winde die turbulenten nahen Bodenschichten hätte verlassen können, fuhr ich folglich mit Thimo Wittorf mit dem Discus nach Lübeck. Wir waren allerdings etwas spät dran (9:30Uhr). Es standen schon zahlreiche Schneeschauer am Himmel. In Lübeck starteten vier Flugzeuge. Die Entscheidung war nicht leicht, denn wäre ich geflogen, und nach einer längeren Strecke außengelandet, hätte ich den nächsten Tag bedingt durch die lange Rückholtour nicht nutzen können. Es war also auch eine Art Glücksentscheidung. Ich entschied mich dann also am Sonntag nicht zu fliegen und den Montag zu nutzen, ganz wohl war mir bei dieser Entscheidung allerdings nicht. Wir fuhren zurück nach Wahlstedt und bereiteten dort alles für den folgenden Tag vor. Es folgte eine unruhige Nacht. Aber die Wetterberichte, die ich um 5:30 Uhr lass sahen gut aus.

Eines machte mir allerdings Sorgen : Am Tag davor standen schon im 6:00 Uhr früh erste Quellwolken über der Ostsee. Diese entfielen allerdings am Montag, was bedeuten könnte, dass die Luftmasse zu trocken ist und mit einem frühen Start nicht zu rechnen wäre. Um halb Zehn standen wir startbereit in Wahlstedt und die Befürchtung sollte sich verwirklichen. Noch keine Quellwolke am Himmel. Die frühe Startzeit war allerdings  die absolute Vorraussetzung für ein solches Vorhaben. Ich entschied mich also um viertel vor zehn, nachdem immer noch keine Wolke am Himmel stand, das Vorhaben nach Frankreich zu fliegen nicht durchzuführen. Um fünf vor Zehn mache ich mich startklar, um wenigstens einen Versuch zu starten und den Tag anders zu nutzen.

Um 10:06 Uhr Ortszeit erfolgte also der Start im F-Schlepp. Nach der ersten Kurve in Richtung Süden, waren schon sehr gute Wolkenentwicklungen südlich der Elbe zu erkennen. Ich entschied also, mich in Richtung Lübeck schleppen zu lassen.
Nach zehn Minuten F-Schlepp klingte ich nahe Reinfeld nordwestlich von Lübeck aus und flog Richtung Lübeck Flugplatz weiter, um dort den Abflugpunkt in 1000 Meter Höhe zu setzen. Unter einer kleinen Wolke ging es dann erfreulicherweise bereits mit 1,4 Meter Steigen pro Sekunde auf 1200 Meter. Der Wind hatte leider stärker abgenommen als erwartet. Er betrug nur noch 25 bis 30 km/h, so dass mit den sehr hohen Schnittgeschwindigkeiten in Richtung Süden nicht mehr zu rechnen war. Als Ziel setzte ich mir nun den Feldberg im Schwarzwald,700 km von Wahlstedt entfernt, zu erreichen und dann ein Stück Richtung Norden zurück zu fliegen , um die Rückholstrecke für Klaus Tanneberg und Thimo Wittorf, die gleichzeitig mit dem Anhänger in Richtung Süden losfuhren zu verkürzen. Um 12:30 Uhr war ich dann bereits westlich des Brockens. Die Schnittgeschwindigkeit betrug 100 km/h. 1,5 Stunden später um 14 Uhr, war ich knapp 440 Kilometer südlich von Wahlstedt, bin also mit einer Schnittgeschwindigkeit von 125 km/h weiter vorangekommen. Die Position war östlich von Frankfurt in der Nähe des Lagers Hammelburg, 55 km südlich von Fulda. Hier war dann leider aber auch Schluss. Der Himmel war sehr stark zugezogen, überall standen Schneeschauer und an einen Weiterflug Richtung Süden war nicht zu denken. Es hieß also schleunigst umzudrehen und das Schauergebiet noch rechtzeitig zu verlassen.

Nun war der Wind also der Gegner und er stellte sich auch als sehr hartnäckig heraus. Denn eine Beladung mit Wasser für ein höhere Flächenbelastung war bei diesen Temperaturen nicht zu denken. Das Maximum an Kälte erreichte ich etwa bei Fulda in 2400 Meter Höhe mit minus 23° Celsius. Und jetzt war auch leider der Zeitpunkt gekommen, an dem ich die Heizsohlen ausstellen musste, da Strom sparen angesagt war, denn bei diesen Temperaturen machen auch die Akkus des Flugzeuges nicht so lange mit.
Schnell schickte ich also an Thimo und Klaus, die mittlerweile an Göttingen vorbei waren, eine SMS, dass ich versuchen werde so weit wie möglich zurückzufliegen. Nach z
wei Stunden Rückflug waren 140 km Richtung Norden geschafft. Es pendelte sich ein Schnitt zwischen 65 bis 70 km/h ein. Es ging also trotz des Windes und der Überentwicklungen noch ganz gut voran. Dann sollte aber auch schon der Zeitpunkt kommen an dem es hieß :"Nerven bewahren". Ich bin etwas zu weit östlich geflogen und in einen sehr überentwickelten Bereich gekommen. Ich musste mich etwa in 1000 Meter Höhe, hier 500 bis 600 Meter über Grund mit Steigwerten von 0,6 Meter pro Sekunde abfinden, um nicht Außenlanden zu müssen oder das Glück zu sehr zu strapazieren. Nach einer halben Stunde in angespannter Konzentration und keinem in Richtung Norden geflogenen Kilometer war ich endlich wieder auf 1900 Meter gestiegen, so dass ich an den Weiterflug denken konnte. Als Ziel setzte ich mit nun zumindest Braunschweig zu erreichen. Denn es war immerhin schon 16:15 Uhr und in dieser Jahreszeit sind die Tage ja noch nicht allzu lang. Mehrfach hatte ich Eisansatz durch Schneeschauer an den Flächen, die sich allerdings an dem eben genannten Tiefpunkt wieder von den Flächen lösten.
Es ging nun erstmal 140 Kilometer mit einem Schnitt von etwa 75 km/h gegen den Wind wieder voran. Nach einem interessanten Vorbeiflug am Harz, der zum Teil weiß von Schnee war, erreichte ich um 18:00 Uhr Braunschweig in 1400 Meter Höhe. Ich sendete mal wieder eine SMS an meine Rückholer, die schon in Richtung Norden unterwegs waren. Es standen noch einige Quellwolken am Himmel - über Braunschweig ging gerade ein Schneeschauer runter- An einen Weiterflug war durchaus noch zu denken. Das nächste Ziel hieß also Wilsche bei Gifhorn und dann Uelzen. Nach zwei Bärten zwischen 1,5 und 2 Meter pro Sekunde ging es dann westlich von Gifhorn um halb sieben mit 2,4 Meter noch einmal auf 2000 Meter Höhe. Ab jetzt ging es langsamer voran, da es hieß möglichst lange Hoch zu bleiben, da ich Steigwerte direkt vom Boden aus nicht mehr erwartete. Östlich von Ummern ging es dann  aus 1200 Meter mit 1,4 Metern nochmals auf 2100 Meter Höhe. 20 Kilometer nördlich von dort stand dann die letzte Thermik des Tages. Mit 0,5 Meter Steigen pro Sekunde ging es nun abschließend nochmals auf 1800 Meter Höhe.
Nach Lüneburg waren es 52 Kilometer. Es müsste also bis dorthin reichen. Ein bisschen Sorgen machte mir ab
er der Wind. Und die Sorgen sollten sich bestätigen. Der Wind wirkte sich stärker aus als erhofft. Aus 1800 Meter Höhe habe ich gerade noch 46 Kilometer geschafft. Das ergibt eine Gleitzahl von 27 Kilometer pro Tausend Meter. Die Landung erfolgte um 20:02 Uhr mit Sonnenuntergang auf einem Feld sechs Kilometer südwestlich des Flugplatzes Lüneburg.
Es war ein unvergessliches Erlebnis. Nach knapp zehn Stunden Flug war eine neue Streckenleistung aus Wahlstedt mit einem Standard-Klasse-Flugzeug erreicht. Es war der weiteste Flug von hier mit 785 Kilometern. Die Füße waren allerdings in Mitleidenschaft gezogen nach etwa 10 Stunden minus 20 Grad Celsius. Nach zwei bis drei Stunden waren diese aber auch wiederhergestellt.

Nach der Landung dauerte es nur eine viertel Stunde bis meine "Rückholer" am Außenlandeort waren. Um 23:30 Uhr stand der Discus nach einem kleine Imbiß wieder im Anhänger auf dem Flugplatz Wahlstedt
Ich danke hier nochmals Klaus Tanneberg und Thimo Wittorf für ihre Bereitschaft dieses Erlebnis durch ihre tatkräftige Unterstützung zu ermöglichen. Ebenso natürlich Bernd Grauel, der sich die Zeit nahm mich mit seinem Flugzeug zu schleppen.

 

Christoph Schwarz